Liebe Therapeuten,

die Eltern stellen in der Auditiv-Verbalen Therapie (AVT) einen wichtigen Partner dar.
In der Frühförderung von Babys mit Hörschädigung stehen sie noch einmal besonders im Focus: Ihnen kommt als den eigentlichen „Fachleuten“ im Umgang mit ihrem Kind kommt deshalb bei der Frühförderung durch AVT eine besondere Bedeutung zu. (Der Einfachheit halber wird hier nur die maskuline Form gewählt, gemeint sind aber immer Therapeuten und Therapeutinnen.) 
Zur Ausgangssituation: Die Eltern erfahren (idealerweise bald nach der Geburt durch Neugeborenen-Hörscreening), dass ihr Kind eine Hörschädigung hat und befinden sich in einem emotionalen Ausnahmezustand: Trauer, Angst und Schuldgefühle quälen sie. Dabei werden sie gleichzeitig mit einer Fülle von medizinisch-technischen Informationen überhäuft, was bleibt sind Hilflosigkeit, Überforderung und Orientierungslosigkeit. Häufig befinden sie sich noch in dieser Situation, wenn es zum ersten Kontakt mit dem Therapeuten für AVT kommt, der hier in besonderer Weise gefordert ist. Dazu gehört u. E. auch, dass sehr kurzfristig ein Gesprächstermin gefunden wird. Denn die Aufgabe des Therapeuten besteht zu diesem Zeitpunkt in erster Linie darin, die Eltern nach dem Diagnoseschock „aufzufangen“ und ihnen Perspektiven zu zeigen. Zunächst müssen sie häufig ermuntert werden, ein natürliches Verhältnis und Verhalten zu ihrem Baby zu behalten bzw. wieder zu erlangen: Das meint in erster Linie Sprechen, Singen, Spielen, Schmusen mit dem Kind, als wäre es „normal“ hörend. Ihr Selbstvertrauen und das Urvertrauen in die Stärken ihres Kindes müssen unbedingt entwickelt und gestärkt werden. Der Schlüssel dazu liegt im gemeinsamen Tun von Familie und Therapeuten. Dafür müssen die Eltern zum Therapeuten ein enges Vertrauensverhältnis aufbauen können. (Natürlich muss dieses Vertrauen gegenseitig sein, auch der Therapeut muss den Eltern vertrauen, dass diese den auditiv-verbalen Ansatz in der Erziehung verfolgen wollen und können. Er muss ihren Schilderungen und Beobachtungen glauben wohl wissend, dass Eltern ihr Kind immer auch durch eine spezielle „Brille“ sehen.)

Welche Anforderungen muss ein Therapeut für Auditiv-Verbale Therapie in diesem Zusammenhang erfüllen?
Er muss Akzeptanz, Wertschätzung und emotionale Wärme, Empathie, einfühlendes nicht-wertendes Verstehen, Echtheit, Kongruenz vermitteln bzw. leben (Rogers 1972/1973). Er muss fähig sein zu Achtung, Wärme, Rücksichtnahme, zu fördernden, nicht-dirigierenden Einzeltätigkeiten und Ich-Botschaften vermitteln (Tausch und Tausch 1979) und die vier Grundbedürfnisse (Bindung, Kontrolle, Lustgewinn/Vermeiden von Unlust und Stärken des Selbstwertgefühls) befriedigen können.
Dazu bedarf es einer permanenten Selbstreflexion und –kontrolle z.B. anhand von Videoaufzeichnungen. Selbst das kleinste Zucken eines Mundwinkels oder das Heben der Brauen wird von den Eltern registriert und kann als Geringschätzung interpretiert werden.  
Das heißt also, der Therapeut muss sich immer wieder auch seine eigene Haltung und seine große Verantwortung deutlich machen. Zynismus ist ebenso fehl am Platz wie Verbitterung, Überheblichkeit oder anderes negatives Verhalten. Wenn der Therapeut keine Freude an seiner Arbeit hat und er seine eigenen Befindlichkeiten nicht ausblenden kann, er nicht wirklich offen ist für die Familie, kann kein echtes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Therapeuten aufgebaut werden und die Therapie nicht erfolgreich sein. Natürlich ist der Therapeut kein gefühlloses Neutrum und er muss seine Freude über die Erfolge und Fortschritte des Kindes zeigen oder auch mit den Eltern trauern, aber jegliche negative Ausstrahlung oder schlechte Laune muss vermieden werden. Dabei spielen auch Sympathie und Antipathie eine große Rolle, die der Therapeut professionell handhaben muss.
Judith Simser (The Listener 2001) formuliert u. a. folgende Forderungen der Eltern an die Therapeuten:

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Wenn du Fehler an meinem Kind bemerkst, vermeide es mir zu erzählen, wie du oder
    jemand anderes Kinder so gefördert hat, dass es nicht diese Fehler macht. Sag mir nicht, wie
    arm ich dran bin!

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Teil mir Deine Vorstellungen mit, aber akzeptiere auch meine!
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Spiele nicht mit mir das Spiel „Ich weiß etwas, das du nicht weißt und werde es dir jetzt
    mitteilen“. Geh davon aus, dass ich intelligent bin, bis sich das Gegenteil herausstellt!

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Zieh nicht die Augenbrauen hoch, wenn ich eine vermeintlich dumme Frage stelle!
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Sei bereit, neue Wege mit mir zu erkunden. Vielleicht ist ja eine Methode, die du bisher
    nicht ausprobiert hast, gerade die beste für unsere Familie!

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Werte nicht. Ich werde dir nicht vertrauen!
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Frage mich, wie ich mich mit bestimmten Dingen fühle!

Dabei bewegt sich der Therapeut auch immer auf einem sehr schmalen Grad. Einerseits ist es seine dringende Aufgabe, den Druck von den Eltern zu nehmen, andererseits stellt er auch Anforderungen an die Eltern und ihren Umgang mit dem Kind: Die Therapiesitzungen in der AVT haben schließlich immer das Ziel, Anregungen und musterhafte Beispiele für die Förderung des Kindes mit Hörschädigung im Alltag zu geben, d.h. die Eltern lernen, wie sie im alltäglichen Leben eine förderliche auditive Umgebung schaffen und mit ihrem Kind kommunizieren können, um dessen lautsprachliche Kompetenz (weiter) zu entwickeln.

Die AVT hat also sehr starken Einfluss auf das Leben einer Familie, gerade deshalb muss die Entscheidungshoheit immer bei den Eltern bleiben!

Ob es zu einer guten Zusammenarbeit zwischen Eltern und Therapeuten kommt, hängt wesentlich vom Erstgespräch ab. Deshalb sollen hier die wesentlichen Punkte, die zu beachten sind, genannt werden:

  • Der Therapeut muss Zeit haben, ein anstehender Folgetermin setzt ihn unter Druck und verhindert eine entspannte Gesprächssituation.
  • Er muss unbedingt für eine beruhigende Atmosphäre sorgen, für ein freundliches und entspanntes Klima, auch für ein Getränkeangebot (keinen Imbiss!), absolute Sicherheit vor Störungen (kein Telefon), Taschentücher in Reichweite (aber nicht sichtbar), schriftliches Informationsmaterial zum Mitgeben.
  • Es sollten unbedingt beide Eltern oder ein Elternteil und eine weitere Vertrauensperson an dem Gespräch teilnehmen (idealerweise ist für die Betreuung des Kindes in dieser Zeit gesorgt). Dies gibt den Eltern zum einen nicht das Gefühl, in der Minderheit zu sein, zum anderen wird es ermöglicht, sich hinterher über das Gesprochene auszutauschen. 70-75% der mündlich übermittelten Informationen gehen verloren!
  • Die Eltern brauchen Raum zum Erzählen, wobei sich der Therapeut unbedingt empathisch verhalten muss. Diese Empathie muss natürlich echt und darf nicht gespielt sein Dabei ist es strikt verboten, „kluge Ratschläge“ aus eigenem oder Fremderleben zu geben.
  • Die Eltern sollen wertfrei über alle bekannten Möglichkeiten des therapeutischen Herangehens bei einer Hörschädigung unterrichtet werden.
  • Sie sollten die Möglichkeit erhalten, sich anhand von Videos oder Hospitationen ein Bild über die Arbeit nach auditiv-verbalem Ansatz zu machen. In diesem Zusammenhang ist es auch hilfreich, Kontakt zu anderen Eltern anzubieten.
  • Dabei ist immer auch zu beobachten, um was für einen „Typ“ von Eltern es sich handelt. Suchen sie schnell nach Lösungsmöglichkeiten oder brauchen sie mehr Zeit zum Nachdenken?
  • Es darf kein Druck zur Entscheidung entstehen.

Wenn sich die Eltern für die AVT entschieden haben, dienen die ersten Stunden der „Kontaktaufnahme“, dem Beobachten, Kennenlernen und der Vertrauensbildung. Das Baby muss so lange bei den Eltern bleiben, bis diese bereit sind, es in andere Arme zu geben. Eltern neigen naturgemäß zur Eifersucht, der Therapeut hat es meist leichter, die Aufmerksamkeit des Kindes zu wecken: neues Spielzeug, interessante Umgebung, geschulte Mimik, Gestik und Intonation. Deshalb ist es ungeheuer wichtig, immer auch die Eltern zu beobachten und ihnen den „Spielball“ zu zuwerfen. Nur wenn sie entspannt und offen sind, ist therapeutische Arbeit möglich. Das gelingt natürlich am besten mit Spaß und Humor: eine Therapiestunde, in der nicht wenigstens einmal herzhaft gelacht wurde, ist keine gute Stunde.

Es ist auch wichtig, dass die Eltern nicht gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie nicht mögen. Die Aufgabe des Therapeuten liegt eben auch in der Entdeckung und Freilegung der Ressourcen der Eltern und in der Ermunterung, diese auch im Umgang mit ihrem Kind einzusetzen. Es gilt, Beschäftigungen, Spiele zu finden, die sie gern mit ihrem Kind machen. Ihnen muss die Scheu genommen werden, sich auch einmal “zum Affen“ zu machen.

Um es noch einmal kurz zusammenzufassen: Einziges Ziel der auditiv-verbalen Therapie ist, dem Kind mit Hörschädigung zu helfen, auf nahezu natürlichem Weg Sprechen durch Hören zu lernen. Dieses ist nur über eine gute Zusammenarbeit, Anleitung und Stärkung der Eltern als engste Bezugspersonen des Kindes zu erreichen. Dies sollten wir uns immer wieder vor Augen führen. 

Habt Spaß an der Arbeit und teilt ihn mit den Familien!

(Dieser Artikel ist unter dem Titel "Frühförderung durch AVT und Elternarbeit" 2006 in gekürzter Form im Heft 54 der "Schnecke" erschienen)