Früherkennung und Diagnose

Der optimale Zeitpunkt für die Früherkennung liegt direkt nach der Geburt. Aber auch bei später erkannten oder auftretenden Hörproblemen sollte eine Untersuchung immer so schnell wie möglich erfolgen. Je früher die  Behandlung einer diagnostizierten Hörschädigung beginnt, desto größer sind die Erfolge.

Die beste Anlaufstelle für die Erkennung und Diagnostizierung einer Hörschädigung ist natürlich der HNO-Arzt. Ideal ist auch ein Screening ab dem 3. Lebenstag. (Dann können keine Fruchtwasserreste mehr das Ergebnis verfälschen.)  Mit der Einführung des Neugeborenenhörscreenings als Kassenleistung ab dem 1. Januar 2009 ist ein wichtiger Schritt in Richtung Früherkennung und Diagnose unternommen worden.

Trotz der routinemäßigen Vorsorgeuntersuchungen werden Hörschädigungen bei Kindern leider häufig immer noch sehr spät entdeckt. Sie verlieren somit wertvolle Zeit zur Anbahnung des Hörens und Sprechens. Zögern Sie deshalb nicht, frühzeitig mit Ihrem Kind zu einem spezialisierten HNO-Arzt zu gehen, wenn Sie unsicher sind, ob das Kind angemessen auf Sprache und andere Geräusche reagiert.

 

Folgende Verhaltensweisen deuten z. B. auf eine Hörbehinderung hin:

  • Ihr Kind reagiert nicht auf seinen Namen.
  • Ihr Kind erfüllt auch kleine, einfache Aufgaben nicht, reagiert aber auf ein gebärdetes „Komm her“.
  • Ihr Kind erschrickt nicht bei lauten, unerwarteten Geräuschen.
  • Ihr Kind hält extremen Blickkontakt, wenn mit ihm gesprochen oder gespielt wird.
  • Ihr Kind verfällt in große Unruhe und Unsicherheit in unvertrauter Umgebung, z.B. beim Verlassen der Wohnung.
  • Ihr Kind erschrickt bei Berührung, da es das Herankommen der Person nicht bemerkt.
  • Ihr Kind spielt versunken weiter, auch wenn es klingelt oder hinter ihm eine Person zur Tür hereinkommt.

Zur Überprüfung der Hörfähigkeit Ihres Kindes können folgende Diagnosemethoden angewandt werden:

CERA - Cortical Evoked Response Audiometry Die CERA liefert frequenzspezifische Antworten, die bis zur Hörschwelle abgeleitet werden können.

 

Die normale Hör-/Sprachentwicklung

Das Gehör
 

 

 

 

 

 

 

BERA - Brainstem Evoked Response Audiomery Bei der BERA werden die Reizantworten am aufnehmenden Teil des Gehirns (Stammhirn) an 5 Bereichen gemessen: Hörnerv, Schneckenkern, Olivenkern, Schleifenkern und an den vier Hügeln. BERA-Messungen sind maximal bis 120 dB möglich, können aber oft nur bis 100 dB ausgeführt werden. In dieser Untersuchung werden so genannte "Klicks" verwendet, die mit ansteigender Lautstärke über Kopfhörer ausgesandt werden.

ERA - Electric Response Audiometry Bei der ERA handelt es sich um Ableitungen akustisch evozierter Potentiale am verarbeitenden Teil des Gehirns (Hirnrinde) des Menschen. In dieser Untersuchung werden die Kinder nur für kurze Zeit sediert.

Vergleicht man alle Verfahren miteinander, so liefert die ERA oftmals die genauesten Ergebnisse, da hier die verarbeitenden Reaktionen an der Hirnrinde gemessen werden. Mit Hilfe dieser Ergebnisse kann eine individuelle und präzise Anpassung der Hörgeräte erfolgen.

 

 
 

Für die Untersuchung der Hörfähigkeit eines Kindes ist nicht in jedem Fall eine Sedierung notwendig: "Wir ließen uns bei dem HNO-Arzt einen Untersuchungstermin geben, der in die Zeit seines täglichen Mittagsschlafes fiel. Nach einigen Runden mit dem Kinderwagen rund um die HNO-Praxis war unser Sohn so fest eingeschlafen, dass er die gesamte Untersuchung schlafend hinter sich brachte. Dies hatte auch den Vorteil, dass die Ergebnisse aussagekräftiger waren, da sie nicht durch Medikamente beeinflusst wurden."

Um Veränderungen der Hörfähigkeit festzustellen, sollten objektive Hörprüfungen im Kleinkindalter jährlich wiederholt werden.

Nach wie vor beträgt das Durchschnittsalter bei der Erstdiagnose von Hörschädigungen etwa 2-3 Jahre. Dabei werden Kinder mit mittelgradigen Hörverlusten häufig noch später erkannt als solche mit hochgradigen/an Taubheit grenzenden Hörschädigungen. Bis zur Versorgung mit gut angepassten Hörgeräten vergeht oft noch einmal wertvolle Zeit, die für eine erfolgreiche Hör-Sprachentwicklung so notwendig ist.

Die Erfahrungen zeigen, dass ein Kind frühestens nach Bestätigung der Hörschädigung, oft aber erst nach dem Erhalt der Hörgeräte gefördert wird und die Eltern entsprechend angeleitet werden. Dies bedeutet auch, dass die wesentlichsten Monate für die Hör- Spracherziehung ungenutzt verstreichen. Das Gehirn muss bereits in den ersten Lebensmonaten Höreindrücke erhalten, sonst wird eine spezifische Entwicklungsphase unwiederbringlich versäumt. Deshalb kann auch eine noch so intensive Förderung, die zu spät einsetzt, nicht verhindern, dass die Sprachkompetenz des Kindes mit Hörschädigung  immer mehr oder weniger stark eingeschränkt bleibt. Eine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit behindert aber in jedem Falle die psychische, intellektuelle und soziale Entwicklung, so dass es zwangsläufig zu Sekundarschäden kommen muss.

Eine sehr wichtige Vorraussetzung, um eben diese Sekundärschäden zu verhindern, ist die Ausnutzung der sensiblen Phasen für die Sinnesentwicklung und die Plastizität des kindlichen Gehirns. Das heißt im Falle einer Hörbeeinträchtigung, dass das Erreichen der Funktionstüchtigkeit des Hörsinnes trotzdem möglich ist, wenn er während der Zeit seiner Reifung intensiv stimuliert wird. Der Zeitraum dafür ist allerdings begrenzt. Der Reifungs- und Lernprozess des Hörens beginnt etwa in der zwölften Schwangerschaftswoche. In den ersten beiden Lebensjahren ist die Plastizität, Sensitivität und das Wachstum des ZNS am größten, verläuft am schnellsten und ist am ehesten zu beeinflussen. Deshalb ist die Früherkennung einer Hörschädigung und eine entsprechende Frühförderung so enorm wichtig.

  • Prof. Dr. med. W. Schlote: ”Der Dentritenbaum der Nervenzellen im Gehirn und damit auch die Anzahl der Schaltstellen nimmt während der Reifung des Gehirns dramatisch zu . [...] Man weiß heute, [...] dass etwa 25% der Schaltstellen - und dies sind wahrscheinlich die für die Höchstleistung entscheidenden - nur unter Wirkung eines entsprechenden Reizangebots gebildet. [...] Wir ersehen hieraus, dass die Natur uns ein Angebot macht, zusätzliche Schaltstellen unter der Wirkung der entsprechenden Sinnesreize aus der Umwelt aufzubauen und dass zugleich diese zusätzlichen Schaltstellen nur unter der Wirkung dieser Sinnesreize entstehen.” (1990, 40-41)
    “Ein Defizit an Schaltstellen [...] kann bis zum dritten/vierten Lebensjahr nahezu vollständig wieder aufgeholt werden, danach nur noch teilweise.” (1990, 47)
     

  • Prof. Dr. med. R. Klinke: “Man kann bei der ungeheuren Plastizität des frühkindlichen Gehirns davon ausgehen, dass bei frühzeitiger Übung auch über ein Restgehör noch eine große Menge sprachlicher Informationen übertragen werden kann. Mann kann erwarten, dass die in der Hirnrinde vorbereiteten Strukturen für Sprachanalyse und Sprachproduktion ihre Funktion in weitem Umfang aufnehmen.” (1990, 79)
    “Da die Reifung des zentralen Nervensystems ganz entscheidend davon abhängt, was angeboten wird, bin ich der Meinung, dass ein hörgeschädigtes Kind auch mit einem relativ mäßigen Gehör noch sehr viel anfangen kann. [...]  Dazu ist es notwendig, dass man in einer sehr frühen Phase der kritischen Periode Fördermaßnahmen einsetzt. [...]. Innerhalb der ersten zwei Jahre muss das Wesentliche geschehen sein.” (1990, 188)

Wenn ein Kind mit Hörbeeinträchtigung eine Frühförderung erhält, so sagt dies aber noch nichts über den therapeutischen Ansatz, die Formen und die Häufigkeit der Frühförderung aus. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der auditiv-verbalen Methode. Dabei ist es schon lange kein Geheimnis mehr und in unzähligen Fällen (national wie international) erwiesen, dass Kinder mit Hörschädigung mit einer optimalen Frühförderung nach der auditiv-verbalen Methode zu sehr guter sprachlicher Kompetenz gelangen und, sofern keine Mehrfachbehinderungen vorliegen, Regelschulen besuchen können.